Ausstellung Freshtest 4.2 im Kunstverein Koelnberg, Köln 2018

Ausstellung im Verein für aktuelle Kunst / Ruhrgebiet e.V. mit Brigitta Heidtmann und Andreas von Ow, 2018

Ausstellung Plain mit Wolfgang Lüttgens im Ausstellungsraum Q18, Köln 2017

Ausstellung Different Echoes mit Nikola Dimitrov, Friedhelm Falke, Ekkehard Neumann, Sigrún Ólafsdóttir und Elly Valk-Verheijen im Museum St. Wendel,
im Kunstmuseum Gelsenkirchen und in der Ausstellungshalle Hawerkamp Münster 2016/2017

Ein Echo oder Widerhall entsteht, wenn Reflexionen einer Schallwelle so stark verzögert sind, dass man diesen Schall als separates Hörereignis wahrnehmen kann. Resonanz ist das Mitschwingen eines Körpers mit einem anderen Körper. Mit den beiden Begriffen Echo und Resonanz läßt sich sehr zutreffend die Charakteristik des gemeinsamen Ausstellungsprojektes von Nikola Dimitrov, Friedhelm Falke, Ekkehard Neumann, Sigrún Ólafsdóttir, Elly Valk-Verheijen und Annette Wesseling beschreiben. Übersetzt in die Sprache der Akustik “sechs Echos, die sich überlagern und in einer gemeinsamen Frequenz schwingen“.

 

(Friedhelm Falke zum Ausstellungsprojekt Different Echoes)

Ausstellung Tinted Flakes im Kunstverein Unna 2015

 

 

Wenn man die Geschichte des Ausstellungsraumes zurückverfolgt wird schnell klar, wieso Museen tagsüber und Theater abends geöffnet haben: Als die ersten Sammlungen ihre Türen für Publikum öffneten gab es noch kein elektrisches Licht. Werke und Gegenstände konnten nur wahrgenommen werden, wenn Tageslicht durch die Fenster fiel. Auch wenn sich das Ausstellungsrepertoire durch den technischen Fortschritt der vergangenen 250 Jahre natürlich erheblich erweitert hat, bleibt das natürliche Licht ein einflussreicher Faktor für die Entstehung und Wahrnehmung von Werken. Mit der Freiheit des Zeigens eröffnete sich das Licht selbst jedoch als Spielball für Künstler, den sie frei bewegen und gestalten konnten.

Statt einer natürlichen Gegebenheit, die den Alltag in zwei Hälften teilt, durchkreuzt das elektrische Licht nun tagsüber eigens abgedunkelte Räume und wurde zum Werksgegenstand - als Projektion, als Diashow, durch einen Laserstrahl oder in Form eines Leuchtkastens. Bei den Arbeiten von Annette Wesseling spielt eben dieses Licht, das materiell nicht direkt greifbar ist aber doch so deutlich Rezeptions- und Handlungsmöglichkeiten bestimmt, eine konstitutive Rolle.

 

Angefangen von Lichtinterventionen und der Verwendung von Leuchtkästen, natürlichem Licht oder dem Einsatz von Strahlern als raumbezeichnende Elemente, ist es in ihren aktuellen Arbeiten insbesondere der Serie UV-Graphic die im Rahmen ihrer Ausstellung Tinted Flakes im Kunstverein Unna zu sehen sind, das Sonnenlicht, dem sie als Arbeitsmaterial Einzug in ihre persönliche Arbeitsweise gewährt hat.

Mit an den Schaffens- oder Malprozess eigenen Gegenständen wie Kleberollen, Rahmenlatten oder Keilen werden dabei pigmentierte Tücher kompositorisch bedeckt, bevor sie monatelang im Sonnenlicht reifen. Die schablonierten Stellen bleiben als farbige Flecken  in der ursprünglichen Intensität eines Tuches erhalten und heben sich schließlich von der unregelmäßig ausgeblichenen Umfläche ab. So entstehen konzeptionelle Malereien, die ein Dokument der Zeit und der umgebenden Einflüsse sind.

 

Sich ebenso experimentell an die konkrete Malerei wieder annähernd, mit der sich Annette Wesseling bereits als Erben Schülerin auseinandergesetzt hatte, entstanden parallel zu UV-Graphic weitere Arbeiten wie die Serien NaOCl-Painting oder
Aqua-Painting, die sich mit der Auflösung des Malprozesses auseinandersetzen. Ganz bewusst einen Bogen um die aufgeladene malerische Geste machend, konstruiert die Künstlerin hierbei aus Strichen und Linien zusammengesetzte Farbflächen, die den Bildträger verschleiern. Einmal von konzentriert aneinander-gereihten Strichen aus Aquarellpigmenten oder Marker-Tinte versteckt, initiiert sie schließlich unterschiedliche Auflösungsprozesse, um bei einer jeden Arbeit ein individuelles Bild hinter dem Bild vor zu finden.

 

Um den Werken der Serie Aqua-Painting Gestalt zu geben schwenkt die Künstlerin präzise gefertigte, auf Keilrahmen gespannte, Maltücher durch das naheliegende Rheinwasser um die darauf aufgetragenen Pigmente auf zu schwemmen. Die wasserlösliche Aquarellfarbe tut dabei, was ihr eigen ist und die starren Linien, die
in unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten, Farbtönen und in stoischer Ruhe von der Künstlerin auf die Leinwand gebracht worden sind, vermischen sich zu unvorhersehbaren neuen Tönen indem sie mit ihren benachbarten Pigmenten eine Liaison eingehen. Bei der Serie NaOCl-Painting ist es das Natriumchlorit, das diese Möglichkeit des Auflösens und neu-Vermischens von auf Holz oder Leinwand aufgetragenen Tintenstrichen eröffnet.

In beiden Fällen übernehmen physikalische oder chemische Prozesse gestalterische Funktion.  Durch dieses erwirkte Spiel mit der Kontrolle, die Annette Wesseling zu ausgesuchten Zeitpunkten gezielt abgibt um sie schließlich wieder einfordern zu können, versetzt sie sich in einen steten Dialog mit dem Objektträger und der Abbildung. Durch eine Abwechslung von zufälligen Prozessen und bewussten Handlungen arbeitet sich schließlich das eigentliche Bild durch den vorherigen Farbauftrag hindurch.

 

Das Bewusstsein für den Ausstellungsraum behält die Künstlerin hierbei stets im Blick. So bezieht sie die Architektur des ehemaligen Mühlenbaus in Unna bei Tinted Flakes ebenfalls mit ein. Hohe, golden durschimmernde, Reflektorfolien die im Raum installiert sind, ermöglichen dem Betrachter eine alternative Sicht auf ihre Malereien. Bei der Sicht durch die umgehbaren Folien reduzieren sie, den Ausstellungsraum gleichsam beruhigend, die vielen möglichen Wellenlängen des natürlichen, "weißen" Lichtes das andernfalls auf Ihre Werke fällt, auf eine Bestimmte. In der Malerei bezieht sich der Begriff der Reduktion oftmals auf das Reduzieren des Malgegenstandes. Sei es bei Robert Ryman, der wohl nicht aufhören konnte zu malen, doch nicht mehr wusste, was er der Malerei noch hinzu zu fügen habe, ein Fontana der das nicht-mehr-malen als eine offene Verweigerung gegenüber der Kunst verstand, oder ZERO Künstler die im Nichts die Ruhe vor dem neuen Sturm sahen.

 

Auch bei den Arbeiten von Annette Wesseling ist der Begriff der Reduktion inhärent mit ihrer Malweise verbunden. Jedoch handelt es sich hierbei um einen Reduktionsbegriff, wie er in der Bildhauerei oder Installationskunst verwendet wird: um eine Reduktion auf das Wesentliche; um ein wegholen, abkratzen oder loslösen des Überflüssigen.

 

Nach einem Umweg über die Umgebung führte sie der notorischen Austritt aus dem Tafelbild, den ihr Manfred Schneckenburger zu seiner Zeit als Direktor der Kunstakademie Münster bei der Beschreibung Ihrer frühen Raum-, LandArt- und Lichtarbeiten nachwies, nun wieder zurück in die Malfläche. Hierbei ersetzt die Künstlerin jedoch die aufgeladene malerische Geste durch die Aktion und das Aktionsverständnis eines Interventionskünstlers. So gelingt es ihr, neue, unverbrauchte, unvorhersehbare da un-vorgestellte Kompositionen aus dem Prozess hervor zu bringen. Annette Wesseling malt nicht, sie erschafft ein Bild. So findet sie ihren eigenen und sinnigen Zugang zur Malerei, indem sie eigenständige Werke schafft, die nicht abbilden, sondern sind.

 

Lisa Bensel zur Ausstellung Tinted Flakes im Kunstverein Unna 2015

 

 

Ausstellung non-permanent im Kunstverein Ahlen 2013

[…] Das Prozesshafte eines Kunstwerks ist hier von besonderer Bedeutung […]

[…] bei Annette Wesselings „non-permanent" geht es um Nicht-Beständiges. In ihren sowohl experimentell als auch konzeptuell angelegten Arbeiten thematisiert Annette Wesseling […] Phänomene wie Licht, Farbe und Zeit und setzt diese zueinander in Beziehung. Unmittelbare, meist flüchtige Erscheinungen werden sichtbar, indem die Künstlerin Methoden einsetzt, die paradoxerweise ein Verschwinden oder Löschen von Farbe bzw. Licht bewirken.

 

Ihre Malereien und Zeichnungen der letzten drei Jahre zeigen jeweils das Resultat eines Bleichprozesses. Über die in regelmäßigen, farbigen Streifen angelegten Arbeiten gibt die Künstlerin zum Beispiel Tropfen einer wässrigen Chlorlösung, die jeweils in senkrechten, zum Teil unregelmäßigen Bahnen über das Bild laufen. In den Laufbahnen der Tropfen verliert die Farbe durch die chemische Reaktion mit der Chlorlösung stark an Intensität oder verschwindet sogar bis auf den weißen Grund. Es entstehen helle bis weiße Linien, die die Grundstruktur der Arbeiten unterlaufen und beim Betrachter Irritation hervorrufen. Die in Gitterstrukturen angelegten quadratischen Bilder werden teilweise mit der Chlorlösung betupft oder mit zuvor in Chlorlösung getränkten Kunststoffmatten bedruckt, deren Muster als Negativ wie eine Art Frottage auf der Oberfläche des Bildes erscheint.

 

Bei den Zeichnungen wird das zuvor mit Filzstift bzw. Marker bezeichnete Blatt mit einer wässrigen Chlorlösung ebenfalls betropft oder besprüht, was ein partielles Auslöschen der Farbe bewirkt und hier das Weiß des Zeichengrundes zum Vorschein bringt.

 

Aus klaren Kontrasten werden Zwischentöne, die kompositorische Strenge der Arbeiten wird reduziert oder gar aufgelöst zugunsten eines spontan anmutenden Duktus, der den Arbeiten etwas Unmittelbares verleiht. Annette Wesseling überantwortet ihre Konzeption an einer bestimmten Stelle des Schaffensprozesses dem Zufall. Denn wirklich vorhersehbar ist die Wirkungsweise der chemischen Substanz auch für sie nicht. Farbstifte unterschiedlicher Hersteller, verschiedene Bildträger wie Leinwand, Holz oder Papier sowie die Stärke der verwendeten Chlorlösung - all das beeinflusst das bildnerische Resultat.

 

In der Bearbeitung mit der Chlorlösung verändern sich Farben, von der Künstlerin angelegte Bildstrukturen werden unkenntlich. Der von ihr initiierte Prozess des Zufälligen nimmt seinen Lauf. Die Werke entwickeln eine Art Eigenleben, das auch für die Künstlerin zuweilen Überraschungen birgt. Am Ende dieser Prozesse steht die Auswahl bestimmter Bildresultate, die ihr künstlerisches Anliegen überzeugend transportieren. So übernimmt Annette Wesseling schließlich wieder die künstlerische Verantwortung für die von ihr geschaffenen Bildlösungen.

 

Der Aspekt des Experimentellen ist auch bei weiteren Werkserien der Künstlerin allgegenwärtig. Doch nicht immer nutzt sie chemische Substanzen für ihre Bildfindungen. Auch natürliche Phänomene spielen hierbei eine wichtige Rolle. Bei der Serie der sogenannten UV-Graphics beispielsweise wird das komplette Format zu Beginn mit Marker oder Tinte bemalt. Die Bildmitte wird mit einem Gegenstand,
z. B. einem Sonnenhut, abgedeckt und über mehrere Sommermonate im Freien dem Sonnenlicht ausgesetzt. Durch das natürliche UV-Licht bleicht die Farbe langsam aus. Im Schatten des Gegenstandes entsteht eine sichtbare Form.

In einigen Bildern sind auch die Spuren von Regentropfen sichtbar. Hier überlässt die Künstlerin also der Natur einen gestalterischen Part, insofern als dass das natürliche Sonnenlicht ein Motiv auf einer Farbfläche überhaupt erst sichtbar macht. Die Grenze zwischen dem von der Sonne gebleichten Hintergrund und der abgedeckten Fläche bildet die Kontur des Bildmotivs. Malerei nicht klassisch durch das alleinige Auftragen von Farbe, sondern durch Reduzierung derselben.

 

Bei der neuesten Serie Annette Wesselings, den Meteo-Graphics, werden die ebenfalls mit Marker und Tinte bemalten Papierformate nicht der Sonne, sondern dem Schnee ausgesetzt, der in geschmolzenem Zustand die Farben und mit ihnen das kompositorische Grundgerüst der Arbeiten auflöst und verwässert und ihnen gleichzeitig eine zarte, aquarellartige Erscheinung verleiht.

 

Als Malerin ist Annette Wesseling die Farbe ein zentrales Anliegen. Die von ihr gesetzten Bezüge zum Thema Licht sind in ihrer Vielschichtigkeit außergewöhnlich. Dies wird auch in ihren zahlreichen fotografischen Arbeiten deutlich, die parallel zu den Malereien entstehen. Sie zeigen zum Beispiel Schatten von Natur-/ Architekturausschnitten oder Makroaufnahmen von Spiegelungen, die für die Aufnahme entweder farbig ausgeleuchtet oder durch farbige Filter hindurch fotografiert werden. Eben diese optischen Phänomene wie Spiegelungen und Verzerrungen lassen die ursprünglichen Motive im Unklaren und bieten gleichzeitig Raum für Assoziationen. Auch hier wird der sensible Umgang der Künstlerin mit den beiden wichtigen Gestaltungskomponenten Licht und Farbe spürbar.

 

Durch die Einbeziehung zusätzlicher Faktoren in den malerischen Gestaltungsprozess wie das Experimentieren mit Chlorlösung bzw. Sonnenlicht
oder Schnee wird auch der Aspekt der Zeit bedeutsam, da sich die erwünschten chemischen oder physikalischen Reaktionen unterschiedlich schnell vollziehen und so auch das Voranschreiten des Schaffensprozesses selbst beeinflusst wird. Das heißt, Annette Wesseling gibt auch an dieser Stelle einen Teil ihrer Autonomie als Künstlerin zugunsten der Faszination für das Experiment auf. Das jüngste dieser Experimente ist für die Ausstellung im KunstVerein Ahlen realisiert worden, eine speziell hierfür konzipierte Wandmalerei, die die beschriebenen Vorgehensweisen in den Raum übersetzt und für den Betrachter noch einmal ganz unmittelbar erlebbar macht. Ein Band aus farbiger Tinte, das die Künstlerin nach mehreren Farbaufträgen im Anschluss mit Chlorlösung besprüht hat, umfasst den Raum. Annette Wesselings künstlerische Formulierung fasziniert durch das Wechselspiel zwischen einer konzeptuell und mit großer Sorgfalt angelegten Grundstruktur ihrer Arbeiten einerseits und einer großen Freude am Experiment andererseits. Subtile Illusionen irritieren den Betrachter und erhöhen seine Aufmerksamkeit für die auf den ersten Blick so konstruktiv erscheinenden Werke. Ihre Arbeiten von puristischer und doch poetischer Anmutung entwickeln eine sehr eigenständige Ästhetik, die den Betrachter inne halten lässt, um fasziniert den äußerst gelungenen Experimenten zu folgen.

 

Auszug aus dem Katalogtext von Andrea Bergmann zur Ausstellung non-permanent im Kunstverein Ahlen 2013

 

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